Roboterhand mit Taube
smart industries
14.06.19
783

Unterschätzt der Mittelstand die Notwendigkeit der digitalen Transformation?

Unterschätzt der Mittelstand, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, die Notwendigkeit und Dringlichkeit der digitalen Transformation? Wo liegen die Gründe der Vorbehalte? Diese Fragen rund um die „Psychologie der Digitalisierung“ hat die Innovation Alliance, ein neu gegründetes Netzwerk von zwölf Technologieunternehmen rund um den amerikanischen Netzwerkspezialisten Cisco, in einer Studie untersucht.

Wie tickt der Mittelstand in Sachen Digitalisierung? Im Mittelstand führt an der Digi­talisierung kein Weg vorbei. Noch hängt das Transformationstempo allerdings stark von der Branche und der Unternehmensgröße ab. Dabei ist der Schritt in die Digitalisierung für den deutschen Mittelstand immens wichtig. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen (KMU), die sich entsprechend wappnen, könnten häufig ihre Leistungen schnell verbessern. Das besagt eine im Februar veröffentlichte globale Studie des Markt­forschungsinstituts IDC im Auftrag von SAP. Vier von fünf KMU sehen schnell die Vorteile der Digitalisierung durch niedrigere Kosten, höhere Produktivität der Mitarbeiter oder mehr Absatz. Und wer nicht mitzieht, könnte irgendwann abgehängt werden. Aber was sagt die Studie „Psychologie der Digitalisierung“? Die wichtigsten Erkenntnisse daraus sind:

  • 55 % der mittelständischen Unternehmen stehen am Beginn des Weges. Nur 12 % sind der Meinung, sie hätten bereits die Hälfte des Weges zur Digitalisierung geschafft. Ihrer Bedeutung sind sich dabei aber die meisten Entscheider bewusst.
  • Mehr als 75 % sehen Digitalisierung als rationale Pflichtveranstaltung und – das erklärt die Vorbehalte zum Teil – für fast die Hälfte stellt sie ein Wagnis dar.
  • Ein Großteil der Befragten erlebt die digitale Transformation folglich als große Herausforderung, die – zumindest gefühlt – außergewöhn­liche Fähigkeiten von den Mitarbeitern verlangt.

Vielfach sind also die Probleme in den Köpfen größer als die technischen Herausforderungen.

Dabei ist eines klar: Egal ob wir über Apps oder die vollautomatische Fertigung sprechen – Digitalisierung bietet gerade auch kleinen und mittleren Unternehmen zahlreiche Möglichkeiten.

Digitalisierung wagen

Expertin Vera Demary vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) sagt: „Die mittelständischen Unternehmen müssen wagemutiger werden, denn der digitale Wandel bietet große Chancen.“ Gesamtwirtschaftlich betrachtet ist Digitalisierung für sich genommen kein neuer Trend. Wirklich neu und zur „Wirtschaft 4.0“ wird Digitalisierung erst, so definiert es das Bundesministerium für Wirtschaft, wenn sie in Kombination mit Automatisierung und Vernetzung betrachtet und damit zur Industrie 4.0 wird. Im Mittelpunkt von Industrie 4.0 steht die echtzeitfähige, intelligente Vernetzung von Menschen, Maschinen, Objekten und IKT-Systemen (Informations- und Kommunikationstechnik) zum dynamischen Management von komplexen Systemen.

Im Kern ist Industrie 4.0 zunächst ein Technikthema, bei dem es um Sensorik, Auto-ID-Technologien, Robotics, Automatisierung, IT-Systemtechnik, Virtualisierung und Simulationstechniken geht. Mittel zum Zweck sind Datenanalysen, Big Data, Internettechnologien und Cloud Computing. Das Ziel sind die Schaffung von mehr Effizienz und skalierbaren Los­größen bis zur Losgröße 1 sowie die Etablierung datengetriebener neuer Produkte und Geschäftsmodelle, die eine Monetarisierung von digitalisierten Produkten und Prozessen erlauben.

Einblicke in die Praxis

Um zu sehen, was heute schon möglich ist, lohnt beispielsweise ein Besuch in Homburg. Hier hat Bosch Rexroth in seinem Werk die erste Industrie-4.0-Multi­produkt-Montagelinie für elektrohydraulische Ventile installiert. Sie zeigt, wie eine Montagelinie eine breite Palette unterschiedlicher Produkte effizient produzieren kann. In diesem Fall sind es sechs Basisventiltypen in 200 verschiedenen Versionen, die im halbautomatischen Betrieb gefertigt werden. Ein digitales CIP-Board zeigt die Produktionsdaten in Echtzeit, wodurch Bediener schnell Schwachstellen erkennen, auf Fehlfunktionen reagieren und die Produktion optimieren können. Dies ist entscheidend für eine Reduzierung von Stillstandszeiten und Erhöhung der Produktivität. Das Plus: Die einzelnen Arbeitsplätze an den Montagelinien passen sich durch die Nutzung eines integrierten Chip-Lesers automatisch an die Bedürfnisse, Fähigkeiten und Vorlieben der Bediener an. Ein Empfänger an der Montagestation liest den Bluetooth-Tag des jeweiligen Nutzers und stellt den Arbeitsplatzmonitor auf das Benutzerprofil ein. Für jeden einzelnen Bediener stehen dann die richtige Schriftgröße, Sprache und sogar Informationstiefe zur Verfügung. Zudem sind alle Werkzeuge mit den Daten verbunden und über den Touchscreen steuerbar. So geht Industrie 4.0.

Industrie 4.0 braucht ein neues Bewusstsein

Neben der passenden Technik allerdings braucht der Weg zur Industrie 4.0 ein neues Bewusstsein. Deutlich wird das bei einem Blick auf die Cloud-Plattformen Axoom und tapio. Axoom wurde vom Weltmarkt­führer Trumpf gegründet, als Plattform für die Blechbearbeitung. Tapio ist ein Kind von Homag, dem Weltmarktführer in der Holzbearbeitung. Beide,

und das ist das Neue, sind offen für die ganze Branche, auch für Marktbegleiter. Warum die Welt nach Azure, Watson oder Mindshare diese Plattformen schätzt? Sie sind viel mehr als eine Basistechnologie wie das vorgenannte Trio. Sie sind gespeist vom Branchen-Know-how ihrer Muttergesellschaft.

Homag wie Trumpf haben erkannt, dass sie aus ihrer marktführenden Position heraus mit diesen digitalen Ökosystemen ihren Kunden viel Nutzwert bieten können.

Dabei machen beide Plattformen Interessenten den Weg einfach. Man zieht sich Apps aus dem Store, kauft sich eine Lizenz im Shop der Plattform und verbindet die dann mit den Maschinen. Schon kann es losgehen. Und beide – tapio wie Axoom – haben vor allem auch den Mittelstand im Blick. Die einen den Tischler, die anderen den kleinen Lohnfertiger in der Blechbearbeitung.

Die Vorteile offener Cloud-Plattformen

  • Offenheit und Herstellerunabhängigkeit: Die Plattformen sind offen für Apps und arbeiten grundsätzlich mit allen Maschinen.
  • Horizontale Integration: Die Plattformen sind über alle Schritte der Wertschöpfungskette hinweg durchgängig.
  • Vertikale Integration: Die Cloud-Lösungen integrieren Daten vom Sensor über die Maschine und die Fabrik bis in die Cloud.
  • Einfachheit und Modularität: Jeder Kunde kann seiner eigenen Geschwindigkeit und seinen Ansprüchen entsprechend neue Module nutzen.
  • Produktions-Know-how: Die Branchenhoheit von Weltmarktführern sorgt für immenses Maschinen- und Prozess-Know-how.
Unternehmensgruppe